Achtsamkeit. Doch mehr als ein Modewort?

Zuerst ging es um Authentizität.
Danach hielt die Nachhaltigkeit Einzug in unseren Alltag.
Und aktuell hält sich beharrlich die Achtsamkeit an der Spitze der beliebtesten Modeworte.

Ich kenne einige Menschen, die beim Auffinden dieser oft fast penetrant genutzten Schlagworte in einer Unternehmensdarstellung oder einem Leistungsangebot mit dem klaren Äußern eines aufkommenden Würgereflexes reagieren. Und abschalten. Verständlich − und doch schade.

Dieser Tage stand die Achtsamkeit nun auch beim Regionaltreffen meines Coaching-Berufsverbandes auf der Agenda. Nach dem Impulsreferat einer Kollegin kamen wir Coaches ins Reflektieren.

Wir waren uns recht einig: Achtsamkeit ist eine Haltung.
Es geht darum, wahrzunehmen, ohne zu bewerten.
Gedanken zu erkennen und sie sodann ziehen zu lassen − ohne sich ihnen zu ergeben.
Sich dessen bewusst zu werden, was gerade in diesem Moment ist. Und nur in diesem Moment. Denn der nächste kann schon wieder eine Prise anders sein.

Achtsamkeit gehört im Sinne von Präsenz, Aufmerksamkeit und hoher Wahrnehmungsfähigkeit zum Basisrüstzeug unserer Arbeit. In den Sitzungen mit unseren Klienten wäre alles andere umprofessionell. Es ist für uns wichtig, auch Mikroveränderungen in Gestik, Mimik oder Tonfall unserer Gesprächspartner wahrzunehmen und zu thematisieren.

Anders als beispielsweise Charisma kann man Achtsamkeit trainieren. Es gibt unterschiedliche Techniken oder Methoden, die zur intensiveren Selbstwahrnehmung führen: Starke Grübler können sich darin üben, ihre Grübeleien auf eine Viertelstunde pro Tag zu beschränken, während der sie alle Gedanken in einem Buch notieren, das sie anschließend wieder beiseite legen. Jede Meditationsform fördert die Achtsamkeit. Wer es etwas westlicher bevorzugt, kann mittels MBSR achtsamkeitsbasierte Stressreduktion erfahren. Und auch der Bodyscan, also eine „Führung“ durch alle Areale des Körpers, ist eine wunderbare Methode der Kontemplation.
Achtsamkeit lässt sich auch im Alltag üben: Unsere Referentin berichtete davon, den scheinbar völlig harmlosen Vorgang der Tee-Zubereitung in der Büroküche als Achtsamkeitsübung zu pflegen. Ich wiederum finde in die innere Ruhe seit einigen Jahren vor allem auch in den Übungen des Qigong. In öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Flügen oder sogar vor dem Einschlafen gehe ich die Abläufe auch mal still und unbemerkt nur im Inneren durch.

Buddha

Neben der eigenen Erfahrung beeindrucken mich als studierte Medizinerin vor allem auch die Erkenntnisse, die die Hirnforschung in den vergangenen Jahren bezüglich der Wirkung von Meditation & Co. erzielen konnte. Schon 2008 veröffentlichte der Spiegel ein Gespräch zwischen dem Hirnforscher Wolf Singer und dem Buddhisten Mathieu Ricard (es gibt ein Buch zu den Gesprächen der beiden). Mittlerweile gibt es zahlreiche Belege auch bildgebender Verfahren dafür, dass bereits wenige Wochen regelmäßiger Meditationsübungen zu positiven, deutlich wahrnehmbaren Veränderungen in einigen Hirnarealen führen. Mehr zum Einfluss auf Stresstoleranz und Wahrnehmungserhöhung gibt es in einem Artikel von Dr. Ulrich Ott und in einem Blogpost des Harvard Business Managers zu lesen.

Neben meiner täglichen Qigong-Übungspraxis (Qi steht für Energie, Gong für tägliches Üben) versuche ich mich nun auch seit einigen Tagen in der „Kunst“ der bewussten Tee-Zubereitung. Ich fühle und rieche die Teeblätter oder Kräuter, achte beim Begießen auf die Freigabe der Aromen und versuche, auch dem fertigen Getränk mehr Beachtung zu schenken als bisher. Ein interessantes und auch schönes Experiment − ich danke der Kollegin für den Tipp.

Und wie üben Sie sich in Ihrer Achtsamkeit?

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